Geoff Eley, Nazism as Fascism. Violence, Ideology, and the Ground of Consent in Germany 1930–1945. London/New York, Routledge 2013by Adelheid von Saldern

Historische Zeitschrift

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Year
2015
DOI
10.1515/hzhz-2015-0081
Subject
History

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256 Historische Zeitschrift // BAND 300 / 2015

Geoff Eley, Nazism as Fascism. Violence, Ideology, and the Ground of Consent in Germany 1930–1945. London/New York, Routledge 2013. IX, 233 S., £ 24,99. // doi 10.1515/hzhz-2015-0081

Adelheid von Saldern, Göttingen

In den letzten dreißig Jahren hat sich die Zahl der Bücher über den Nationalsozialismus nicht nur enorm vergrößert, sondern Historiker/innen widmeten sich auch neuen Themenfeldern und erprobten eine Vielzahl von Forschungsansätzen. Deshalb sind Studien, die Orientierungen und Überblicke bieten, vor allem für jene, die in diesen Bereich neu ‚einsteigen‘ wollen, notwendig. Der vorliegende Band eines der bekanntesten US-amerikanischen Forschers über die deutsche Geschichte vom

Kaierreich zur NS-Zeit widmet sich dieser Aufgabe. Die Studie besteht aus einer Reihe von Vorträgen und Sammelbesprechungen älteren und jüngeren Datums.

Seit jeher ein scharfer Gegner der Sonderwegthese, setzt sich Geoff Eley im ersten

Kapitel diesbezüglich kritisch mit Stefan Breuers Buch zur Entstehung völkischen

Denkens im Kontext der Modernisierungsprozesse auseinander sowie mit Thomas

Rohkrämers These, wonach in Deutschland „the single communal faith“ besonders geschichtsmächtig geworden sei und folglich die Suche nach nationalen Gemeinschaftsformen die politische Kultur dominiert habe. Das zweite Kapitel zeigt den

Wandel des historiografischen Forschungsfeldes auf, insofern die sozialgeschichtlichen Zugangsweisen der 1970er Jahre von Ansätzen abgelöst worden sind, in denen das permanente Spannungsfeld und die komplexe Verknüpfung von Gewalt und

Konsens im Zentrum der Analyse der NS-Gesellschaft stehen. Im dritten Kapitel kommt dementsprechend eine ergänzungswürdige Auswahl jener Forschungen ins

Blickfeld, die soziale Praktiken der Exklusion und Inklusion aufzeigen, die ihrerseits auf das Projekt einer Volksgemeinschaft ausgerichtet waren. Das vierte Kapitel widmet Eley der Analyse jener Frauen, die in den verschiedenen Bereichen als „missionaries of the Volksgemeinschaft“ gelten können. (Ergänzend sei auf eine wichtige neuere

Arbeit von Wiebke Lisner zu Tätigkeiten von Hebammen hingewiesen, deren Relevanz auf der Kreuzung von Professionalisierung, Lebenshilfe, Bevölkerungspolitik und Rassismus beruht.) Im fünften Kapitel behandelt Eley mit großer Tiefenschärfe die Forschungen zu den nationalsozialistischen Raumvisionen, die sich insbesondere auf ein zu schaffendes, rassistisch geordnetes Ostimperium bezogen und in vielfältiger Weise mit der deutschen Kolonialgeschichte verknüpft waren. Der neueren

Holocaust-Forschung widmet Eley das sechste Kapitel. Sich vor allem auf Saul FriedBrought to you by | Purdue University Libraries

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NEUE HISTORISCHE LITERATUR / BUCHBESPRECHUNGEN 19.–21. JAHRHUNDERT 257 länder berufend, macht er in kritischer Nachdenklichkeit auf die Neigung des Gros der Forscher/innen aufmerksam, den Holocaust vorrangig aus der Perspektive der

Täter und Opfer zu untersuchen, während Juden als Akteure viel seltener in den

Blick kommen. Im siebten und letzten Kapitel zieht Eley ein persönliches Resümee aus seiner eigenen, langjährigen Forschungsgeschichte. Seine älteren vier Bauelemente zur Erklärung des Faschismus in Italien und Deutschland (folgenreicher Erster Weltkrieg, allumfassende Krisenkonstellation, faschistische Ideologie und uneingeschränkte Gewaltausübung) hätten zwar noch Bestand, müssten aber durch zusätzliche Komponenten wie Sozialrationalisierung und Massenmedien ergänzt werden. Hierüber, wie auch zu Performanzen, hätte sich eine intensive Auseinandersetzung mit einschlägigen neueren Arbeiten gelohnt.

Darüber hinaus greift Eley in seinem Abschlusskapitel die schon in den 1970er

Jahren diskutierte Überlegung auf, wonach der Faschismus als eine spezifische Politikform angesehen werden müsse, die sowohl auf Italien als auch auf Nazi-Deutschland zutreffe. Eley übergeht die scharfen Auseinandersetzungen gerade über diese

Art von Verallgemeinerung, die in der Bundesrepublik der 1970er Jahre zwischen linken Faschismusanalytikern und dem Gros der Historiker/innen ausgetragen wurden. Dabei ging es um die Frage, ob durch eine Verallgemeinerung nicht die Einmaligkeit nationalsozialistischer Verbrechen verharmlost werde. Heute, eine Generation später, hat sich die Kontroverse darüber entschärft, insofern das Doppelprofil (einmalige und verallgemeinerbare Züge) des Holocaust herausgearbeitet wurde.

Eley nimmt auf den letzten Seiten des Buches die verallgemeinerbaren Züge des Faschismus in den Blick, um in Bezug auf die derzeitige USA ein düsteres Krisenszenario zu zeichnen.

Insgesamt handelt es sich um eine hochwertige intellektuelle Auseinandersetzung mit diversen Forschungsansätzen und -ergebnissen. Die Historiografie wird durch solche transatlantisch ausgerichteten Kommunikations- und Diskursprozesse sehr bereichert. Versehen mit einer eigenständigen Handschrift bietet Geoff Eley gut kontextualisierte Einblicke in die NS-Forschungen der letzten dreißig Jahre. Von dieser kritischen Historisierung der transatlantischen Forschung haben nicht nur ‚Einsteiger‘ einen großen Erkenntnisgewinn.

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Michael Cramer-Fürtig / Bernhard Gotto (Hrsg.), „Machtergreifung“ in Augsburg.

Anfänge der NS-Diktatur 1933–1937. Ausstellung des Stadtarchivs Augsburg aus Anlaß des Gedenkens an die nationalsozialistische „Machtergreifung“ in

Augsburg vor 75 Jahren. (Beiträge zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 4.)

Augsburg, Wißner 2008. 447 S., € 19,80. // doi 10.1515/hzhz-2015-0082

Sascha Weber, Gießen

Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ im Jahre 1933 wurde in der Forschung lange Zeit nur auf der Reichs- und Länderebene untersucht. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten setzten immer häufiger Studien auch bei ihrer Umsetzung und ihren Auswirkungen auf der kommunalen Ebene – in großen Städten wie auch in ländlichen Gemeinden – an. Dies mag auch der Grund sein, dass, gleichwohl seit dem 50. Gedenkjahr 1983 in Fünfjahresabständen zahlreich und vielerorts Ausstellungen zur „Machtergreifung“ und dem Aufstieg des Nationalsozialismus konzipiert und gezeigt wurden, die Zahl der publizierten Ausstellungskataloge seit der